Dezember 2014 :: Fürchtet Euch nicht!


Wir werden sie wieder hören, die Worte – von der Kanzel gelesen, oder von Krippenspielkindern vorgeführt:

„Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird! – Ehre sei Gott in der Höhe und  Friede auf Erden den Menschen ein Wohl­gefallen.“

Die Engel sind es, die dafür sorgen, dass diese Geschichte bis heute erzählt wird. Es ist die Geschichte, die uns Mut macht, standzuhalten in diesem Leben und den Mut nicht zu verlieren.

Eigentlich beginnt sie sehr irdisch mit einem Kaiser: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging…“ Das unsere Welt, wie wir sie kennen, auch wenn die Geschichte 2000 Jahre alt ist. Augustus will zählen. Er will zusammenzählen, was ihm so alles gehört und zusteht. Es geht um die Steuerlisten. Er fordert sozusagen zur großen Steuererklärung auf. Er will sein Reich und vor allem seinen Reichtum zusammenhalten – und ahnt nicht, was aus dieser Zählung wird.

Seine Zählung wird durchbrochen, unterbrochen von der Großen Erzählung. Wie Augustus Zählung ausgegangen ist, davon erfahren wir nichts. Sehr viel erfahren wir aber von der Erzählung, die daraus wurde. Diese Erzählung, sie kommt vom Himmel her - und bringt „große Mär“, wie es im Lied heißt.

Sie verweist uns auf Leute, die zwar gezählt werden, aber eigentlich nichts zählen: arme Hirten zum Beispiel. Und Maria und Joseph. Und ein Kind.

Alles Menschen, die zwar gezählt werden, aber nichts zählen. Mit ihnen beginnt die große Erzählung, die noch 2000 Jahre später Jahr für Jahr in allen Kirchen der Welt erzählt wird. Kaiser Augustus zählt zur Weltgeschichte – aber sie ist lange vergangene Geschichte, tote Geschichte. Die Geschichte, die die Engel verkünden, ist lebendige Geschichte bis heute. Ist die Erzählung, die alles verändert.

Vom Kaiser Augustus weiß man, dass er eine umfassende Währungsreform durchgeführt hat. Die größte Münze war der Aureus, eine Goldmünze damals von einer Kaufkraft von etwa 500 €, die kleinste, der Quadrant aus Kupfer, etwas über 0,30 € wert. Dazwischen gab es ein fein abgestimmtes System aus sieben verschiedenen Münzarten in verschieden wertvollen Metallen – abgestimmt für jeden Geldbeutel.

Was die Engel verkünden, läuft aber daraus hinaus, was all dies komplizierte System wirklich wert ist. Was die Engel verkünden, läuft daraus hinaus, was die wichtigste Währung ist, die einzig wertvolle: Nicht Aureus oder Quadrant, auch nicht Dollar oder Euro oder Pfund oder Yen. Die wichtigste Währung ist Vergebung und Liebe.

Der Engel macht klar, dass das höchste Wesen ist nicht ein Kaiser ist, sondern ein neugeborenes Kind, in einer Krippe liegend. Im Himmel und auf Erden zählt letztlich nur eine Währung – alle anderen werden eines Tages von Motten und Rost gefressen (oder verschwinden heutzutage auf Computerservern,

wo ein normaler Mensch gar nicht mehr begreift, wie alles zugeht).

Die Kaiser heißen heute anders, sie heißen Markt, Rendite, Effektivität und Sicherheit. In ihrem Namen wird so viel gezählt wie nie zuvor. Es wird gezählt, was die Leute wann und wo kaufen. Persönliche Daten werden erfasst – vom Staat, im Interesse der Sicherheit, von der Wirtschaft, im Interesse guter Geschäfte.

Und wieder wird der einzelne zwar akribisch gezählt, aber er zählt nicht. Wer ein Mensch wirklich ist,

ist nicht wichtig. Was ihn bewegt. Wie er sich fühlt. Was er hofft und glaubt. Was und wen er liebt. Was und wen er fürchtet.

Was aber macht unser Leben aus? Das ist nicht mit irdischer Währung zu bemessen. Das sieht man nur vom Himmel aus. Deshalb muss ein Engel kommen und uns die wahre Perspektive unseres Lebens aufzeigen: Was hat Bestand? Was ist wirklich wichtig?

Das werden wir zu Weihnachten wieder einmal erzählt bekommen: Da geht es um unsere kleinen Lebensgeschichten, jede einzelne. Jeder kleine Moment der kostbaren Zeit unseres Lebens ist wichtig. Jeder Moment unseres Lebens  erzählt sich hinein in die große Geschichte, wird von der großen Geschichte miterzählt. Jedes Detail unserer kleinen Lebensgeschichte hat Platz in der großen Geschichte, die der Engel verkündet.

Ich wünsche Ihnen einen besinnlichen Advent, frohe Weihnachten und ein glückliches Neues Jahr.

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