Was ist was? – Der Zehnte                 von Pfarrer Ulrich Katzmann

Es gibt im Alten Testament eine ganze Reihe von Belegstellen, die vom Zehn­ten handeln (1. Mose 14,20; 28,22; 3. Mose 27,30-33; 4. Mose 18,21-32; 5. Mose 14,22-29). Dabei geht es um eine Abga­be des zehnten Teiles an Getreide, Garten- und Feldfrüchten. Auch der Erstge­burt von Rindern und Schafen, so-wie tierischen Er­zeugnissen wie Milch, Eier, But­ter, Honig, Wolle. Der zehnte Teil aller Erträge gehörte nach dem mosaischen Gesetz dem Volks­stamm der Leviten, die für den priesterlichen Dienst zu­ständig wa­ren und keinen eigenen Grund­besitz hatten. Zusätzlich wurde der Zehnte für die Versorgung der Waisen, Witwen und Fremden im Lande, sowie zur Erhaltung des Hau­ses Gottes und der Versorgung der im Tempel tätigen Priester verwendet. Dieses Abgabe- und Versorgungs­system wird in der Thora als von Gott selbst einge­setzt verstanden. Bei Ein­haltung ist sein Segen ver­heißen, bei Nichtbefolgung der Fluch ange­droht (Maleachi 3,8-10). Jesus stellt zu seiner Zeit das Geben des Zehnten nicht in Frage. Aller­dings kritisiert er die Haltung der Phari­säer, welche die Gabe des Zehnten als bloße Geset­zeserfüllung ver­standen, jedoch in ih­rem Mit­einander nicht nach Gerech­tigkeit und Barmherzigkeit fragten. Der Gedanke des Teilens bleibt beste­hen. Jesus lobt ausdrücklich die ar­me Witwe, die von dem wenigen was sie hat, alles in den Gottes­kasten einlegt. Dieser Gedanke des Teilens und das Bewusstsein, dass alles, was ein Mensch sein Eigen nennt von Gott ge­geben ist und nur dankbar empfangen wer­den kann – der steht hinter der Gabe des Zehn-ten. In der Früh­zeit des Christen­tums wurde die­ser Gedanke aus der alttestament­lichen Tradition über­nommen. Es entwickelte sich das mittelalterli­che Zehntsystem, wel­ches in der Neuzeit durch ein staatli­ches Steuersystem abgelöst wurde. In den Freikirchen ist es bis heute gängige Praxis zehn Prozent des Einkommens der eigenen Ge­meinde zukommen zu lassen. Dies schafft natürlich einen großen eigenständi­gen und freien Hand­lungsspielraum in den Gemein­den. Die großen Kir­chen in Deutsch­land erheben heute eine Kirchen­steuer, die über die Fi­nanzämter eingezogen wird. Sie be­trägt bei uns 9% der Ein­kommens-bzw. Lohnsteuer. Dazu kommt die Bitte um ein freiwilliges Kirchgeld. Beides zusammen ent­spricht am ehesten dem Gedanken des „Zehn­ten“. Die Verheißung des Segens über dieser Gabe bleibt beste­hen. Über ihre Höhe sollte das Herz des Gebers entscheiden, gemäß der pau­linischen Freiheit – nicht mit Un­willen oder aus Zwang, denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb
(2. Korinther 9,7).

 

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